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Förderakzent 2021 «Continuer» – Eine Künstlerin spekuliert

© Olivia Abächerli

Bild vergrössern © Olivia Abächerli - Ausschnitt aus Notational System on Neutral Background

Animation, die zu multiperspektivischer Geschichtsschreibung führt 

Die Künstlerin Olivia Abächerli hat sich nicht weniger vorgenommen, als die grossen Fragen des Zeitgeistes in ihrem künstlerischen Schaffen zu behandeln. Sie durchschaut politische Zusammenhänge, recherchiert konkrete Fälle und gibt neue Denkanstösse. Ihr künstlerisches Mittel dazu ist die Überlagerung: Ein historisches Bild dient als Hintergrund, darüber legt sie animierte Ebenen, von Hand auf dem Grafiktablet gezeichnet. Die Überlagerung ermöglicht, Dokumentation und Spekulation zusammenzubringen, Fakten aufzuzeigen und diese wiederum durch unterschiedliche Perspektiven aufzuweichen.

Ein Projekt, in welchem sie diese Technik anwendet, handelt vom Tagebuch eines Schweizer Söldners. Dieser ist mit zwei Kindern von seinem Einsatzort in Borneo heimgekehrt, doch die indigene Mutter der beiden hat er in seinen ausführlichen Einträgen ausradiert. Olivia Abächerli nimmt sich der Geschichte an und gibt dieser Frau einen Platz: Sie spekuliert und fantasiert, wer sie gewesen sein und was sie getan haben könnte. "In der Spekulation geht es um die Einsicht, dass Erzählungen oder Wahrheiten multiperspektivisch sind", erklärt sie im Interview. "Oft tut die Geschichtsschreibung so, als gäbe es nur eine Wahrheit, obwohl es immer tausend Blickwinkel gäbe, etwas anzuschauen."

Weil der Denkprozess in ihren Projekten im Zentrum steht, hat sich die gebürtige Obwaldnerin für die 2D-Animation entschieden, um damit die Überlagerung weiterzuentwickeln. Bisher fehlten die finanziellen Mittel, sich die Zeit zur Aneignung des nötigen technischen Wissens zu nehmen. Im Rahmen des Förderakzents 2021 kann sie nun in vier Phasen die Animationstechniken vertiefen. In der ersten Phase probiert sie über 2 Monate hinweg jeden Tag anhand von online Tutorials zu den Programmen Toon Boom Harmony und Adobe After Effects ein neues Werkzeug aus. Die zweite Phase ist für ein konkretes Testprojekt bestimmt. In der dritten Phase will sie herausfinden, wie sie die angeeigneten Programmkenntnisse in ihrem eigenen künstlerischen Mittel der Überlagerung nutzen kann. In der letzten Phase setzt sie ihre neuen Fähigkeiten konkret um, möglicherweise bei der Fortführung des bestehenden Projekts "Notational System on Neutral Background", welches, so die Künstlerin, die moralisch problematischen Wirtschaftszusammenhänge der Schweiz seit dem 20. Jh. behandelt.

Dass das Geld fehlt, sei in der Kunstszene ja nichts Aussergewöhnliches, bemerkt Olivia Abächerli, als ich sie auf die Pandemiezeit anspreche. Die meisten Künstlerinnen und Künstler haben sowieso kein regelmässiges Einkommen und bei kleineren Ausstellungsräumen, die mit viel persönlichem Engagement betrieben werden, sei die Luft irgendwann raus gewesen. Trotz neuen, digitalen Formaten fehle der soziale Akt eines Ausstellungsbesuchs. Im Internet herrscht bereits eine enorme Konkurrenz an Informationen, da kann auch schnell etwas weggeklickt werden, was in einer analogen Ausstellung Aufmerksamkeit erhalten würde. Auch unabhängig von der Pandemie stellt sich die Künstlerin immer wieder die Frage, wie ein breiteres Publikum erreicht und zum Denken angeregt werden kann und hofft, Animation sei ein Mittel dazu. Durch diese kann sie in künstlerischer Form Narrative erzählen, welche wie Türen, die geöffnet werden, neue Perspektiven aufzeigen und Menschen auf diesem Weg ansprechen. 

 
 
 

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