Suchbereich

Stichwörter von A bis Z

Navigation




Ausgabe 1/2019

Musikalischer Ankerplatz

Der Hauptbahnhof Zürich hat Nana von Niki de Saint Phalle, welche die Reisenden beschützt. Bern hat Harry. «Dieses Klavier hat mich gerettet.» Der junge Mann erzählt in nur leicht gebrochenem Deutsch von einer Depression, aus der er nicht mehr aufzutauchen schien. Klavierklänge im Obergeschoss der Berner Bahnhofshalle zogen ihn magisch an. Sie weckten die Erinnerungen an sein eigenes Klavierspielen und ans leidenschaftliche Singen als Jugendlicher zu Hause im fernen Brasilien. Ein paar Abende habe er das Klavier umkreist, den Spielenden zugehört, bis er sich schliesslich ein Herz fasste und selber in die Tasten griff. Das war vor Weihnachten 2017. Inzwischen kehrt er zu allen Tageszeiten hierher zurück, sobald das Klavier am gewohnten Platz steht. Er singt mit kräftiger hoher Baritonstimme Elton John-Balladen, Gospel-Songs und was ihm sonst zufällt. "Durch die Musik kehrten Energie und Lebenswille zu mir zurück", bekennt er und verschenkt diese nun an tausende Reisende, die unter seinen Klängen zu und von den Perrons eilen oder zu ihm hochsteigen und innehalten.

Unglaublich, wer sich am späteren Abend Mitte Januar alles um dieses Klavier versammelt: Ein schmaler Jugendlicher löst Harry ab und intoniert Pirates of the Caribbean. Ein HKB-Student, der eben noch mit Schumanns Kreisleriana über die Tasten fegte, setzt sich neben ihn auf den Klavierstuhl, grundiert die wabernde Melodie. Und mit warmem Jazz-Gesang umschreibt eine Frau den Refrain. Männer, die sich sonst beim Haupteingang aufhalten, ein spät von einer Schneeschuhwanderung heimkehrendes Rentnerpaar mit viel Sonne im Gesicht, ein Gymnasiast mit einem Rucksack voller Klaviernoten – auf den nächsten freien Slot wartend – und eine Handvoll weiterer Passanten jeden Altes bilden für Momente eine verschworene Zuhörerschaft, versunken lauschend, leicht die Hüften schaukelnd oder mit den Bierbüchsen wippend.

Den SBB und dem Berner Traditionsunternehmen Krompholz ist mit "Treffpunkt Bahnhof-Piano" ein Teilhabe-Joint Venture der Extraklasse gelungen. 2017 kamen die SBB auf das Musikhaus zu, um ein Projekt auch in der Schweiz umzusetzen, das 2008 in Birmingham mit der Performance "Play Me, I'm Yours" des britischen Aktionskünstlers Luke Jerram begonnen hatte und bereits um die Welt gegangen war. Das Musikhaus stellt seither sechs Klaviere zur Verfügung, von denen vier dauernd im Einsatz sind. Die SBB wählen die Bahnhöfe aus, stellen den Platz temporär zur Verfügung, übernehmen den Transport und betreuen die Info-Homepage. Seither ist kein Ende der ursprünglich auf ein paar Monate beschränkten Aktion abzusehen. Die beiden Partner bestätigen allseitige Zufriedenheit. Und Vandalismus, sonst Dauerproblem an Bahnhöfen? Gibt’s hier nicht.

Bahnhöfe waren früher auch Sehnsuchtsorte. Man war der fernen Heimat, dem erträumten Ziel, der Möglichkeit, dem Leben eine andere Richtung zu geben, näher als irgendwo sonst. Inzwischen sind grosse Bahnhöfe zu Schleusen geworden, die Menschenmassen einsaugen und ablassen. Die Bahnhof-Pianos holen die nostalgische Qualität des Verweilens und Sinnierens in die Gegenwart zurück und verbinden sie mit dem Bedürfnis, dem eigenen Musikmachen, dem selber Gestalteten Raum zu geben und mit anderen zu teilen. Nicht digital, sondern analog. Live.

In diesen Tagen wird das Klavier abtransportiert, revidiert und neu gestimmt. Wenn der Frühling kommt, soll es wieder zurückkehren. Und mit ihm hoffentlich auch Harry und seine vielen neu gewonnenen Freunde.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


Weitere Informationen

 


Mein Warenkorb ([BASKETITEMCOUNT])

Informationen über diesen Webauftritt

https://www.erz.be.ch/erz/de/index/direktion/organisation/amt_fuer_kultur/newsletter_kultur_abonnieren/ausgage_1_2019.html