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Wie lässt sich Friedensarbeit künstlerisch darstellen? – Ein Ateliergespräch mit Esther van der Bie im Kontext des Erinnerungsmoments für Charles-Albert Gobat

Der Berner Friedensnobelpreisträger Charles-Albert Gobat wird mit einem Kunstwerk der Fotografin und Installationskünstlerin Esther van der Bie gewürdigt. Das Projekt geht aus einem Kunst-am-Bau-Wettbewerb mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern hervor, den die Staatskanzlei und das Amt für Kultur durchführten. Das Kunstwerk ist aktuell in der Umsetzungsphase und wird im April 2021 im Innenraum des Rathauses enthüllt. Zeit für ein Zwischenfazit und einen Besuch bei der Künstlerin Esther van der Bie. Das Gespräch über Kunst, Frieden als Prozess und Deklarationskultur fand in ihrem Atelier in Biel statt.

Bei Kaffee und Hintergrundmusik aus dem Nebenraum, umrahmt von Skizzen und Prototypen sprechen wir über das konkrete Auftragswerk und Anforderungen an Kunst im Allgemeinen. Einleitend interessiert uns besonders die Herleitung ihres Werks, die Wahl der Ausdrucksmittel und Techniken im Kontext der Aufgabenstellung. Das Wettbewerbsprogramm skizzierte dabei primär inhaltliche, technische und baulich-kontextuelle Grenzen, die Wahl der künstlerischen Ausdrucksmittel war frei. Die Rahmenbedingungen liest Esther van der Bie im Erarbeitungs- und Umsetzungsprozess dabei positiv als Reibungsfläche, wobei sie sich für den Dialog zwischen Kunst und Kontext interessiert. Die Notwendigkeit der Reflexion über die Verbindung von Werk und Ort ist ein Arbeitsthema, das die Künstlerin bereits in vielen ihrer in situ Arbeiten diskutiert hat. Erstmals überrascht die Bandbreite ihrer Werke, wobei sich in ihrem Œuvre zahlreiche orts- und situationsspezifische Werke versammeln – eine Charakteristik, die sich auch beim Erinnerungsmoments für Gobat wiederfindet. Als Leitfaden durch das Gesamtwerk zieht sich die Beziehung zwischen Form und Inhalt. Van der Bie spricht in dieser Auseinandersetzung von der Notwendigkeit einer künstlerischen Aufrichtigkeit, damit die Interessen, Aussagen und Anforderungen an ein solches Projekt in Einklang gebracht werden könne.

«Es ist zwar eine schwierige Aufgabe zu explizit politischen Fragestellungen künstlerische Arbeiten zu realisieren, ohne dass sie zu didaktischer Deklarationskunst werden». In der heutigen Gesellschaft mit ihrer Deklarationskultur kann Kunst dabei einen lustvollen Vorschlag zum Hinterfragen liefern – Kunst wird also dadurch visuell manifestierte Philosophie. Ist das Kunstwerk dabei eine Aufforderung an die Adressatinnen und Adressaten sich mit Fragen nach friedenstiftenden Prozessen auseinanderzusetzen, eher stiller Zeuge oder politischer Auftrag, fragen wir die Künstlerin? «Im besten Fall ist es beides – ein Kunstwerk hat immer einen kommunikativen Aspekt. Der künstlerische Akt liegt explizit darin, nicht etwas lediglich in eine künstlerische Atmosphäre zu versetzen, sondern einen inhaltlichen Transport zu ermöglichen».

Die Charakteristik des Erinnerungsmoments für Charles-Albert Gobat als ausdruckstarke, sensible und feinfühligen Arbeit basiert auf der künstlerischen Verpflichtung zur gedanklichen Durchdringung des Themas. Die Künstlerin fokussiert in ihrem Werk – nach eingehenden Studien über Gobat als interparlamentarischer Kämpfer für die Verrechtlichung des Friedens – den prozessualen Aspekt; so auch der Titel des Werks: Der Friedensprozess – Charles Albert Gobat. «Es geht dabei auch um die Würdigung der Hartnäckigkeit, sich für den Prozess des Friedens zu engagieren». Daraus geht die mehrschichtige Darstellung eines Friedensprozesses hervor, die das Ringen um Aushandlung, Zusammenfügen, Brechen und Erneuern ebenfalls physisch mit real zerborstenem Glas umsetzt. Dafür musste ein neues Verfahren kreiert werden, wobei je eine digital bedruckte Glasplatte vor und hinter eine zerborstene Scheibe gelegt wird. Einleitendende Materialstudien erlaubten die Umsetzung in der konkreten Form.

Die einzelnen Werkteile befinden sich jeweils parallel in den selben Stadien. Die Künstlerin hat zuerst alle (mittleren) Scheiben zerschlagen und eingefärbt. Die die hinten- und vorneliegenden bedruckten Glasplatten sind bereits vorbereitet. Von den Handmotiven, die digital aufgedruckt werden, gibt es eine Sammlung an Varianten, eine Art Baukasten aus denen verschiedene Motive wie beispielsweise Friedensgesten, Zeichen der Annäherung oder Stacheldraht geschaffen werden können. Die Anordnung Handmotive rekurriert dabei auf den Verlauf der Risse im Glas.

«Der Prozess des Brechens ist herausfordernd, wobei die Erforschung der Reaktionen des Materials, abhängig davon, was mit welcher Wucht geworfen wurde, zentral war. Die Bruchstellen sind dabei zwar zwingende Bestandteile des Bildes, das Brechen selbst ist aber nicht als performativer Akt zu verstehen». Das Werk zeichnet sich dadurch aus, dass Esther van der Bie sehr fein mit der Materialität agiert, wobei Glas bis anhin nicht ihr primäres Arbeitsmaterial war, sondern der Kohärenz zwischen Ausdruck und Inhalt geschuldet ist. Die Materialität ist für den Transport des Inhalts zentral. Das Glas ist dabei im Unterschied zu Hinterglasmalerei nicht bloss Träger sondern Teil der Bildform und des Ausdrucks selbst. «Die Benennung dieser neuartigen Arbeitstechnik steht noch aus und überlasse ich den Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern», fügt sie lachend an.

Werkstudie

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Die Künstlerin bricht eine mittellagige Scheibe

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