Suchbereich

Stichwörter von A bis Z

Navigation




Ausgabe 6/2019

Lehrgerüst

Beim Aufbrechen war es noch stockdunkel. Im Fluss spiegelte sich der erste Morgenschimmer, als ich den Kopf auf der Neubrücke unter dem Holzdach hervorstreckte. Ich hatte mich auf den Weg von Bern nach Biel/Bienne gemacht. Ziel war die Robert Walser Skulptur. Ich wollte mich wandernd – Walsers bevorzugtes Fortbewegungsmittel – dem einzigartigen Kunstprojekt auf dem Bahnhofplatz nähern. Eine kleine Referenz an den Dichter, der mir gleichzeitig so nah und so fern ist, und an die vielen Unentwegten, die alles gegeben hatten, um dieses Projekt zu realisieren. Es waren die langen Ferien, Zeit war ausnahmsweise kein ausschlaggebender Faktor. Oberhalb Herrenschwanden zeigten sich am Horizont die Berge im Morgenrot. "Das Laufen auf der wundervollen Strasse bereitete mir mehr und immer mehr Vergnügen"*. So gross war mein eigener Überschwang, dass ich die Abzweigung nach Schüpfen übersah. Mein Navi, auf das ich mich hatte verlassen wollen, war disconnected...

Wenn man zu Fuss unterwegs ist, sind Umwege kein Gewinn. Und da dieser nicht der einzige war, dehnte sich die Strecke von den geplanten 38 km auf fast endlose 45.

Wie auch immer man zur Robert Walser Skulptur gelangte: Es hat sich gelohnt. Muss man gar vom Höhepunkt des Berner Kultursommers sprechen? Wer aus Übersee, aus Japan gar, anreiste, um Thomas Hirschhorns Werk zu sehen und zu erleben – und das waren nicht wenige –, dürfte dies bestätigen. Während 86 Tagen wurde Tausenden der Weg zu Walsers Werk geebnet. Es waren so viele Zugänge geschaffen worden, wie Menschen an diesem Werk beteiligt waren. Wer sich mit dem kulturpolitischen Begriff Teilhabe schwertut, konnte hier die Chancen dieses Ansatzes ausloten. Die Walser-Skulptur war sozusagen das Lehrgerüst, auf das sich Bruchstücke aus Walsers Werk aufschichten liessen zu einem weit gespannten, tragenden Gewölbe. Dieses wird als künstlerisches Dach fortbestehen, weiterhin geistigen Schutz und Raum bieten, auch wenn die Holzbauten auf dem Bahnhofplatz längst abgeräumt sind.

Mich beeindruckte die Präsenz des Künstlers Thomas Hirschhorn vor Ort, seine unübersehbare Handschrift, aber auch sein schieres physisches Beharren. Er zog inzwischen weiter. Was für ein Gewinn für das Berner Kulturleben, dass die Leute vom Robert-Walser-Zentrum in der Berner Altstadt präsent bleiben, dass Kathleen Bühler, die starke und beharrliche Projektfrau im Hintergrund, nun wieder ins Kunstmuseum Bern zurückkehrt. Und all jene Bielerinnen und Bieler, die sich in irgendeiner Form beteiligten, inspirieren liessen oder sich am Kunstwerk gerieben haben? Es würde mich wundern, wenn Walser und die Skulptur nicht auch ihre Sicht auf die Welt verändert hätte.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur des Kantons Bern

PS. Übrigens empfiehlt sich, die Wanderung von Bern nach Biel/Bienne auf zwei Etappen aufzuteilen. Z. B. in Suberg Station zu machen. Ich jedenfalls bin dort nach sechs Stunden buchstäblich aufgelaufen und erst am nächsten Morgen wieder losgezogen. Und ich bin mir im Rückblick nicht sicher, ob Robert Walser angesichts des auf der zweiten Weghälfte dominierenden Autobahnlärms nicht empfohlen hätte, doch besser den Zug zu nehmen.

*Robert Walser: Kleine Wanderung, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8851, S. 19


Weitere Informationen

 


Mein Warenkorb ([BASKETITEMCOUNT])

Informationen über diesen Webauftritt

https://www.erz.be.ch/erz/de/index/direktion/organisation/amt_fuer_kultur/newsletter_kultur_abonnieren/ausgabe_6_2019.html