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Ausgabe 5/2019

Anbändeln

Bändeln Sie auch gerne an? Vor allem an einem Wochenende im Spätsommer, wenn die Aare nochmals auf 20 Grad steigt, der Schuss Gin im Cassissirup wie eine Kumuluswolke zum Glasrand quillt und der Duft von gegrilltem Gemüse herüberweht. Die Sonneneinstrahlung hat einen Winkel erreicht, der die Sicht auf den Laptop trübt. Und es drängt gerade kein nächster Termin zum Aufbrechen.

Dann nehme ich ein Buch zur Hand aus dem Vorrat, den ich mir nach der letzten Literaturpreisverleihung angelegt habe: "Flüchtiges Zuhause". Ich lese den Waschzettel, den ersten Satz, streichle den Buchdeckel, lass die Seiten über die Daumenkuppe rieseln, den Buchbändel durch die Hand gleiten, und ich tauche ab: "... das Sirren, das Scheppern, Surren und leise Dröhnen, das die von der Fliesskraft des Flusses mittransportierten Steine und Kiesel erzeugten. Mir war, als ob in der Tiefe ein tausendstimmiger, elektrisierender Chor erklänge...".  Rolf Hermanns Erzählungen, die den Blick freigeben auf ein sorgfältig nachgezeichnetes Familienbild, lassen das Echo einer versunkenen Jugendzeit erklingen.

Oder ich greife nach Li Mollets Prosaband "und jemand winkt". Hier kann ich irgendwo einsteigen und geistige Nahrung einsaugen. "Man könnte die Neugier reizen, ins Meer der Wörter und Bilder eintauchen. Man könnte die zehn wichtigsten eigenen Wörter finden, sage ich." Bei der Lektüre winken unverhofft Ludwig Hohls "Notizen" von 1944 herüber in die Gegenwart. Ich hole sie ins Freie. Nur in homöopathischen Dosen nehme ich sie zu mir, Mollet und Hohl. Dafür reicht dieser Vorrat über viele Jahre.

Oder ich nasche von Paul Wittwers ausgezeichnetem Kriminalroman "Bestzeller". Mit dem schreibenden Emmentaler Arzt jage ich durch Bern, natürlich der Aare entlang und schliesslich in wildem Ritt auf dem Sozius durch den Lötschbergtunnel. Wohliges Grausen. Kaum kann ich mich wieder aus der Lektüre ausfädeln und den roten Buchbändel zwischen zwei Seiten legen.

Zum Glück gibt es im Herbst die Literatour quer durch den Kanton Bern, die eine erneute Begegnung mit Hermann, Mollet und Wittwer ermöglicht, dazu mit weiteren Exponentinnen und Exponenten des preisgekrönten Berner Literaturschaffens. Eine hervorragende Gelegenheit, auch mit deren Werken anzubändeln.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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