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Ausgabe 4/2020

Ein Auftrag aus der Krise 

Mittagstanz um vier, statt Freinacht bis vier Uhr in der Früh. Magic Music light im Stadttheater, statt grosse Oper. «Beat Tapes» von Julian Sartorius im Abonnement, statt ein Festivalauftritt. Die Kulturagenda beginnt sich wieder zu füllen. Anders. Ideenreich, kraftvoll und mit Qualität. Es ist beeindruckend und stimmt optimistisch, mit wie viel Engagement Kulturschaffende, Institutionen, Clubs oder Kinos seit dem 6. Juni wieder präsent sind. Trotz Platzreduktion, Abstandsregeln und Hygienemasken. Dahinter stehen eine grosse Flexibilität und eine ungebrochene Schaffenslust. Mich stimmt dies optimistisch. Dem Kulturschaffen wird eine seismografische Wirkung zugesprochen, mit der gesellschaftliche Entwicklungen vorweggenommen werden. So viel Kreativität eröffnet Perspektiven, hellt schwarzgemalte Prognosen auf. Wenn Berufsleute aus allen Sektoren, weit über die Kreativwirtschaft hinaus, diese Vorwärtsstrategie anwenden, dann werden wir die Nachwirkungen der Pandemie-Krise rascher bewältigen können.

Doch es gibt auch eine Kehrseite dieser Medaille, die sich unseren Mitarbeitenden gegenwärtig zeigt. Wer die Gesuche um Ausfallentschädigungen bearbeitet, sieht sich mit manch einer prekären Situation konfrontiert: Bis heute sind 869 Gesuche im Amt für Kultur eingetroffen. Die angemeldeten Ausfälle türmen sich mittlerweile zu einem Berg von rund 38 Mio. Franken. Der Schaden, der in den vergangenen drei Monaten entstanden ist, wird zwar in vielen Fällen dank den Beiträgen abgefedert – hälftig von Bund und Kanton finanziert. Trotzdem stellen sich manche Betroffene heute die bange Frage, wie es nach dem 20. September weitergeht, wenn die COVID-Verordnung Kultur und damit die Unterstützungsmassnahmen auslaufen. Was im Grunde genommen längst bekannt ist, zeigt sich uns nun in nackten Zahlen: Viele Kulturschaffende leben bereits unter normalen Bedingungen am Existenzminimum. Das Veranstaltungsverbot liess das spärliche Einkommen versiegen.

Wenn nun dieselben Musikerinnen, Tänzer, Autorinnen und bildenden Künstler mit Enthusiasmus das Kulturleben wieder hochfahren, dann sind Staat und Gesellschaft gefordert, diesen Einsatz für die Rückkehr zu einem vielfältigen Kulturleben und zur Überwindung der Krise nicht nur zu loben und sich darüber zu freuen. Es ist alles zu unternehmen, dass die Schaffenden in Zukunft so entschädigt werden, dass ein menschenwürdiges Auskommen möglich ist.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur des Kantons Bern


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