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Förderakzent «Continuer – Beiträge für Kulturschaffende an Entwicklung und Vertiefung»: Sibylle Birrer, die Leiterin der Abteilung Kulturförderung des Kantons Bern, im Interview

Redaktion des Newsletters: Die kantonale Kulturförderung schreibt in dieser ausserordentlichen Situation als zeitlich befristete Massnahme von März bis Ende August 2021 den Förderakzent «Continuer – Beiträge für Kulturschaffende an Entwicklung und Vertiefung» aus. Was ist das Ziel dieser Ausschreibung? Wieso braucht es einen solchen Förderakzent?

Sibylle Birrer: Die Coronapandemie hat in der Kultur – und damit auch in der Kulturförderung – die bisherige Realität auf den Kopf gestellt. Während fast neun Monaten stand das kulturelle Leben still. Dies trifft viele Kulturschaffende in ihrer Berufspraxis existenziell: Ohne Aufführungen, Ausstellungen und Konzerte gibt es weder Resonanz durchs Publikum noch Gagen. Die Ausfallentschädigungen, von Bund und Kanton hälftig finanziert, decken zwar 80 Prozent der entgangenen Einnahmen. Aber sie decken nicht die inhaltliche Leere, die durch die Unmöglichkeit, den eigenen Beruf auszuüben, bei vielen Künstlerinnen und Künstlern entstanden ist.

Dazu kommt ein zweiter Aspekt: Je länger der Kulturlockdown oder nun der reduzierte Betrieb dauert, umso mehr entsteht bei den Veranstaltungshäusern ein «Produktionsstau». Es gibt eine lange Warteliste mit noch nachzuholenden Veranstaltungen. Weshalb sollten wir also durch unsere «normale» Förderpraxis, Kulturschaffende primär dann finanziell zu unterstützen, wenn sie mit neuen Produktionen an die Öffentlichkeit treten wollen, korrekturlos fortsetzen?

Der Förderakzent setzt auf das, was sein Name sagt: continuer. Kulturschaffende sollen in den kommenden, nach wie vor ausserordentlichen und unberechenbaren Pandemie-Monaten die Möglichkeit haben, sich in ihr Schaffen zu vertiefen, vielleicht eine Fähigkeit weiterzuentwickeln oder die bisherige Praxis zu verändern. Ohne dass per se ein neues Konzert oder eine neue Ausstellung am Ende der Schaffensphase steht. Zudem: Die Kulturunternehmen können im Rahmen der COVID-Hilfen Kultur Beiträge an Transformationsprojekte beantragen, um sich an die pandemieveränderte Realität anzupassen. Den Kulturschaffenden steht diese Hilfe nicht zur Verfügung. Aber mit einem «Continuer»-Beitrag haben auch sie – sei es als Selbständige, als Freischaffende oder als Kollektiv – die Möglichkeit, einen solchen Schritt anzupacken, wenn für sie eine Veränderung sinnvoll ist.

Wer kann sich auf die Ausschreibung bewerben und wer beurteilt die Bewerbungen?

Die Ausschreibung steht deutsch- und französischsprachigen Kulturschaffenden aus den Sparten Tanz, Theater, Literatur, Musik und visuelle Kunst aus dem ganzen Kanton Bern offen. Einzelpersonen können sich um Beiträge bis max. CHF 10'000, Kollektive oder Gruppen bis max. CHF 15'000 bewerben. Als kantonale Kulturförderung setzen wir den Förderakzent in Zusammenarbeit mit den Expertinnen und Experten unseren Spartenkommissionen um und können erfreulicherweise auf die gute Zusammenarbeit mit dem Conseil du Jura bernois zählen.

Wie wird ein solcher Förderakzent finanziert?

Um den starken Förderakzent möglich zu machen, wird in diesem Jahr – wiederum in enger Zusammenarbeit mit unseren Kommissionen für Tanz und Theater, Literatur, Musik und visuelle Kunst – auf einzelne Massnahmen der «Spitzenförderung» wie zum Beispiel den Berner Kulturpreis, Sparten-Stipendien oder andere Instrumente der Personenförderung verzichtet. Statt wenige herausragende Kulturschaffende soll im zweiten Pandemiejahr eine grössere Anzahl professionell engagierter Kulturschaffender aus der regulären Kulturförderung unterstützt werden. Wir wollen die zur Verfügung stehenden Fördergelder der aktuellen Situation angepasst verwenden. Und sind damit bei Beteiligten und Entscheidungsträgern auf offene Ohren gestossen.

Wo reiht sich der Förderakzent «Continuer» zwischen den COVID-Ausfallenschädigungen und der regulären Kulturförderung ein?

Die COVID-Ausfallentschädigungen sind eine Art Versicherungsleistung. Sie decken Schäden, die durch die Pandemie verursacht werden. Sie sind also rückwärtsgewandt – ein Ersatz für das, was nicht stattfinden konnte. Unsere reguläre Projektförderung, in der wir ergänzend zu Gemeindebeiträgen Geld an konkrete Veranstaltungen und Projekte sprechen, ist hingegen auf eine präzise vorstellbare Zukunft ausgerichtet.

Momentan befinden wir uns aber irgendwo dazwischen. Dieses Dazwischen kann für das kulturelle Schaffen eine Chance sein, wenn es fürs Reflektieren, Recherchieren und Entwickeln nutzbar ist. Dazu braucht es aber Finanzmittel. Ein «Continuer»-Beitrag ist keine Nothilfe, kein Schadensersatz. Sondern ein Beitrag an das, was dem Kulturschaffen immer zugrunde liegt: der lange Gärungs-, Entwicklungs- und Schaffensprozess, bevor ein Werk sein Publikum findet.

Gibt es in der kantonalen Kulturförderung noch andere Anpassungen an die pandemiebedingt veränderten Bedürfnisse?

Der Kultursektor hat ein ausgesprochen anspruchsvolles Jahr hinter sich – und ist mitten in einem weiteren, ebenso anspruchsvollen Jahr. Wir wissen alle noch nicht, wie die Realität für die Schaffenden und fürs Publikum «nach der Pandemie» genau aussehen wird. Umso mehr versuchen wir seitens der Kulturförderung, mit temporären Anpassungen auf die COVID-veränderte Situation im Jetzt und in der absehbaren Zukunft zu reagieren. Über die Anpassungen informieren wir laufend auf unserer Website und in den Info-Zoom-Veranstaltungen, die wir im Rahmen der COVID-Hilfen Kultur durchführen.

Damit wir ein möglichst differenziertes Bild von der aktuellen Realität des Berner Kultursektors haben und auch reaktionsfähig sind, organisieren wir «Soundingboards» mit den anderen öffentlichen Kulturförderungsstellen des Kantons und mit den Fachexpertinnen und -experten der Kulturkommissionen, die einen differenzierten Einblick in die Szenen im ganzen Kanton haben. Auf diese Weise hoffen wir, nicht nur kurz- und mittelfristig reagieren und zu können, sondern auch langfristig auf Veränderungen vorbereitet zu sein.

Sibylle Birrer, Vorsteherin der Abteilung Kulturförderung
Foto: Christophe Joset

Bild vergrössern Sibylle Birrer, Vorsteherin der Abteilung Kulturförderung Foto: Christophe Joset

Flyer Förderakzent 2021. Grafik: Basil Anliker

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