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Ausgabe 3/2019

Das Licht des Südens

Zwischen dem reclamgelben "Ödipus" von Sophokles und der orangen Taschenbuchausgabe von Peter Stamms "Agnes" stehen acht blassblaue, falbgrüne und karamellfarbene Buchrücken. Ich weiss genau, wem sie zuzuordnen sind und aus welchen Nachlässen ich sie zusammengetragen habe. Beim letzten Umzug hatte ich den Staub aus ihnen geklopft und sie am besagten Ort im Büchergestell eingereiht. Nur erinnerte ich mich nicht, je darin gelesen zu haben. Ich greife einen Band heraus, fahre mit den Händen über den Leineneinband, erschnuppere das Druckpapier der vorletzten Jahrhundertwende. Die Seiten sind mit Stockflecken übersät. Die Fraktur tänzelt vor meinen Augen. Ein Visitenkärtchen, datiert vom 27.8.1915 und mit einem Glückwunsch versehen, diente meiner Grossmutter als Buchzeichen. Ob sie die letzte Leserin dieses Buchs gewesen ist? In meinen Händen halte ich Carl Spittelers "Früheste Erlebnisse". Vor genau 100 Jahren erhielt der Autor als erster Schweizer den Literaturnobelpreis.

Diese Begegnung mit Spitteler, die übrigens rasch in eine beglückende Lektüre mündete, verdanke ich dem Conseil du Jura bernois (CJB), der nach La Neuveville eingeladen hatte, um das Spitteler-Jubiläum am Ort zu begehen, wo der junge Dichter in den 1880er Jahren als Lehrer wirkte. Das war eine Zwischenstation mit Folgen für das Werk Spittelers und für die Geschichte der Schweiz. Die in der Suisse romande gewonnenen Eindrücke dürften ihn zur Rede "Unser Schweizer Standpunkt" befähigt haben. Kaum ein anderer Redetext hat das Verhältnis Deutsch - Welsch und dessen Bedeutung für die Existenz der Schweiz besser und wirkungsvoller auf den Punkt gebracht. Dass man in der Auseinandersetzung mit Spitteler nicht bei nostalgischem Blättern in vergilbten Büchern verharrt, sondern rasch in der Gegenwart landet, zeigt ein Blick in den Veranstaltungskalender des CJB. Eine Ausstellung und verschiedene Anlässe finden in La Neuveville, Tramelan, Frinvillier und Rondchâtel statt.

Bei der Lektüre der "Frühesten Erlebnisse" stosse ich auf die Schilderung des Blicks über die Ebene Aare aufwärts Richtung Biel/Bienne, wo man von Osten herkommend erstmals das Licht des Südens gewahrt und wo sich die uralte Kulturgrenze in den weiten, lichten Horizont einschreibt. "Das Licht kam von Süden her, von Biel und Neuenburg, wo ein von der deutschen Schweiz verschiedenes Klima, mit stärkerer Besonnung und saftigeren, glühenderen Farben beginnt, wo die Seen liegen, die Reben reifen und die Zypressen gedeihen." Dem Sog, der von Westen ausgeht und der schon die Helvetier erfasste, erlag Spitteler bereits als kleines Kind bei seiner ersten Fahrt von Liestal über Solothurn nach Bern. Auch beim Verfassen seiner Rede zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914 richtete er seinen Blick nicht nach Norden, wie viele andere Deutschschweizer, sondern nach Westen, vielleicht La Neuveville vor Augen.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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