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Ausgabe 6/2018

Wegzehrung für die Lebensreise

Ist es möglich, Glück, Freude, Schmerz und Trauer gleichzeitig zu empfinden? Ich vermute, dass es genau diese hochdosierte Mischung unterschiedlichster Gefühle ist, die mich tief ergreift und mir sogar Wasser in die Augen treiben kann. Oder etwas zeitgemässer ausgedrückt: Die mich in den Zustand des Flow versetzt. Kulturelle Ereignisse sind hochgradig prädestiniert, uns in überschäumende Gefühlsbäder zu werfen. Drei solche Begegnungen möchte ich herausgreifen, die ich dem Kultursommer 2018 zu verdanken habe und mit denen sich das Amt für Kultur beschäftigt hat.

Die erste ereignete sich an der Zeughausgasse in Bern. Hunderte Kerzen erleuchten das Innere der Französischen Kirche. Ein starker Grundton, gespielt von zahlreichen Instrumenten, umfängt das einströmende Publikum und mündet in ein anspruchsvolles Konzertprogramm mit Werken von der Renaissance bis zur Gegenwart. Die Saisoneröffnung der Camerata Bern läuft vom Stapel, die erste unter der künstlerischen Leiterin Patricia Kopatchinskaja. Musik, Gesang, Text, visuelle Eindrücke fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk, das ich gebannt verfolge. Musikalische und auch historische Bezüge werden ausgeworfen wie Schiffstaue, die man auffängt, an Land zieht, verknotet und wieder löst. Das Risiko, sich die Hände aufzuscheuern, nimmt man in Kauf. Ungern lässt man das Schiff weiterziehen, ihm lange nachblickend.

Das zweite Erlebnis, das ich hier teilen möchte, führt uns nur wenige Schritte weiter an den Kornhausplatz. Die Freitagsakademie gibt im Stadttheater Händels "Alcina" in einer szenischen Umsetzung mit Puppen von Nikolaus Habjan. Da wird dermassen hinreissend gesungen (BernVocal) und agiert, so schön musiziert und so lakonisch kommentiert, dass ich das Gefühl habe, statt der Wiedergabe eines Repertoirestücks einer Erstaufführung beizuwohnen. Erstmals habe ich in meinem Feedback an die verantwortliche Künstlerin das Wort "triumphal" verwendet, mich leicht genierend wegen dessen pompösen Klangs. Aber das Adjektiv pflanzte sich mir derart dreist in den Weg, dass es nicht zu umgehen war. Das freie Berner Musikschaffen konnte einen triumphalen Erfolg verbuchen. Und das KTB wurde für seine Gastfreundschaft reichlich belohnt.

Schliesslich möchte ich Sie in die einzigartige Kulturlandschaft des Justistals mitnehmen. Den "Chästeilet" konnten wir jüngst auf der nationalen Liste der "Lebendigen Traditionen" eintragen und dazu ein volkskundliches Dossier erarbeiten lassen. Die genossenschaftlichen Praktiken des Oberlandes interessierten bekanntlich schon die Staatstheoretiker des 18. Jahrhunderts. Beim Chästeilet tritt bildhaft vor Augen, wie ein gemeinschaftlich erwirtschafteter Ertrag gerecht verteilt wird. An einem Freitag im September wird der Käseertrag des Alpsommers unter den Genossenschaftern aufgeteilt.

Um dies einmal mitzuerleben, reiste ich mit der ersten Fuhr ins abgelegene Tal über dem Thunersee. Sogar die Hirsche röhrten (ich übertreibe nicht!), so einsam war es in der Frühe. Das sollte sich jedoch bald ändern: Wer mit einer der neun Alpen zu tun hat oder sich mit der Gemeinde Sigriswil verbunden fühlt, kommt – nebst Schaulustigen wie ich – zu diesem Brauch. Um elf Uhr beginnt der Teilet. In der vordersten Reihe verfolge ich das genau festgelegte und seit Jahrhunderten unveränderte Ritual. Der Käse wird zu gleich grossen Beigen vor dem Speicher aufgeschichtet. Immer länger wird die Reihe der Bauern, die sich die Laibe weiterreichen. Rund 700 Mal wiederholt sich dies ohne Wortwechsel. Just als alle Laibe aufgeschichtet sind und sich der Ertrag eines ganzen Sommers wie ein Schachbrett mit 100 Türmen vor unseren Augen präsentiert, erreichen die Sonnenstrahlen den Talboden und tauchen die Szenerie in goldenes Septemberlicht. Für einen kurzen Moment verstummt auch das Publikum. Naturschauspiel und menschliches Ritual greifen ineinander. Das immaterielle Kulturerbe gerinnt zum unauslöschlichen Bild.    

Es gibt Lebenssituationen, in denen hochdosierte Gefühlswallungen einen Kater hinterlassen, wenn sie abgeklungen sind. Im Zusammenhang mit kulturellen Ereignissen habe ich das noch nie erlebt. Je intensiver die Begegnung, desto länger und tiefer ist ihre Nachwirkung. Es gibt nicht wenige solche Erlebnisse, von denen ich mein Lebtag zehren werde. Ich lass mich überraschen, was ich von der bevorstehenden Kultursaison fürs Lebensgepäck mitnehmen kann.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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