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Was macht eigentlich ein Bauernhausforscher?

Gespräch mit H.C. Affolter

Am 18. Juni 2010 wurde der Berner Bauernhausforscher Heinrich Christoph Affolter vom Bund Schweizer Architekten BSA mit dem BSA Preis 2010 ausgezeichnet. Der BSA ehrt damit Affolters langjährige Arbeit, mit der er wertvolles Wissen über die architektonische Tradition der ländlichen Baukultur sichtbar gemacht hat.

H.C. Affolter ist seit 1982 Bauernhausforscher. Im Rahmen des Forschungsprojekts «Bauernhäuser der Schweiz» erarbeitet Affolter die Bände für den Kanton Bern. Erschienen sind bisher Das Berner Oberland sowie Das Höhere Berner Mittelland. Gegenwärtig werden für den dritten Band die ehemaligen Amtsbezirke Aarwangen, Wangen, Burgdorf, Fraubrunnen, Büren, Aarberg, Bern und Laupen mit 120 Gemeinden erforscht. Ein vierter Band soll das Seeland und den Berner Jura umfassen.

H.C. Affolter

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H.C. Affolter, du bist nun seit beinahe 30 Jahren Bauernhausforscher. Was versteckt sich hinter dieser Berufsbezeichnung?

Die Bauernhausforschung befasst sich mit der Erfassung und Publikation von ländlichen Bauten und Siedlungen, der historischen Bewirtschaftung sowie des Alltags. Im Kanton Bern kam es 1978 zur immer noch laufenden Zusammenarbeit zwischen dem Kanton und der Gesellschaft für Volkskunde. Die Bauernhausforschung gibt es jedoch bereits seit den 1930er Jahren. Das Forschungsprojekt ist in die kantonale Denkmalpflege integriert.

Wir gratulieren herzlich zur Auszeichnung des BSA. Wie kommt der Bund Schweizer Architekten dazu, einen Forscher auszuzeichnen?

Die diesjährige Generalversammlung des BSA war dem Holzbau und der Auseinandersetzung mit ländlicher Baukultur gewidmet und fand im Freilichtmuseum Ballenberg statt. Zu den Themen gehörte u. a. der Umgang mit der traditionellen Hauslandschaft und das Potential dieser Räume und Landschaften für das architektonische Schaffen in der Schweiz. In diesem Zusammenhang wurde ich als Berner Vertreter der Bauernhausforschung ausgezeichnet, was mich natürlich sehr freut.

Ich betrachte die Bauernhausforschung jedoch als ausgesprochene Teamarbeit. An der Erarbeitung der beiden bisher erschienen Berner Bände waren viele weitere Personen beteiligt, denen die Ehrung durch den BSA natürlich genauso zukommt wie mir. Ich sehe mich als Vertreter dieses Teams. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit innerhalb der Denkmalpflege, etwa der intensive Austausch mit der Bauberatung und dem Kunstdenkmälerwerk. Die Bauernhausforschung kann sich auf wichtige Instrumente der Denkmalpflege abstützen, wie das Bauinventar und den reichen Foto- und Planbestand.

In deiner Arbeit steckt viel Herzblut und Engagement. Woher kommt die Faszination für unsere ländliche Kultur?

Während des Studiums belegte ich eine Veranstaltung von J. Rudolf Ramseyer, in welcher Robert Tuor, Hans Schmocker und andere auftraten. Mit Schmocker besuchten wir die «Hulleren» im Oberfrittenbach. Dieser Besuch machte mir grossen Eindruck. Jeder Hof ist eine Welt für sich, mit einer spezifischen Geschichte und Entwicklung. Es ist faszinierend, diese Welten zu erkunden. Jederzeit sind bemerkenswerte, überraschende oder gar einzigartige Befunde möglich. Der Kanton Bern mit seiner Ausdehnung vom Alpenkamm bis zum Jura hat eine aussergewöhnlich breite Palette von Bauten zu bieten. Diese Vielfalt, auch wenn es um Konstruktionsarten, Baumaterialien oder Dekorformen geht, fasziniert mich nach wie vor.

Haben sich Vorlieben für bestimmte Gebäudetypen oder Gebiete entwickelt?

Eigentlich interessiert mich alles. Es ist grossartig, vor der «Isebolge», einem Bauernhaus von 1598 in Meiringen zu stehen, einer durchkomponierten, sehr gut erhaltenen Fassade. Es ist aber auch ungeheuer eindrücklich, in einem Hochstudgerüst in Melchnau oder Madiswil zu stehen und dann noch den Bericht der Dendrochronologie zu erhalten, der die Konstruktion auf 1601 datiert. Die bäuerliche Architektur ist insgesamt ein Faszinosum für mich, auf jeder Baustelle sind neue Entdeckungen zu machen. Auch bei Bauten, die man eigentlich zu kennen meint, wie zum Beispiel der Hof «Grindle» in Langnau oder das «Althuus» in Jerisberghof, ist es möglich, dass man plötzlich auf eine Konstruktion oder Gestaltung trifft, die auf bisher unbekannte Funktionen schliessen lässt.

Fassade des Hauses «Isebolge» in Meiringen (Zeichnung Albrecht Spieler).

Bild vergrössern Fassade des Hauses «Isebolge» in Meiringen (Zeichnung Albrecht Spieler).

Sind denn alte Häuser grundsätzlich interessanter als jüngere Bauten?

Nein, gar nicht. Gerade der Bestand im aktuellen Bandgebiet ist besonders spannend und vielfältig. Wie reagiert man bspw. auf die Intensivierung der Landwirtschaft seit 1750?

Welche Gebiete werden zur Zeit bearbeitet?

Im Moment ist der Hof «Grossgschneit» in Köniz aktuell. Das «Grossgschneit» ist ein Gebäude, mit dem sich die Wissenschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigt. In den letzten Monaten konnten wir hier zu meiner grossen Freude eine Bauuntersuchung erstellen. Dabei stellte sich heraus, dass das Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert einem sehr seltenen Typus entspricht. Im hinteren Teil des Hauses befindet sich nämlich ein dekorierter, grosser Raum, es handelt sich offenbar um einen Festsaal. Das ist sehr aussergewöhnlich.

Wir haben hier den Bau einer ländlichen "Aufsteigerschicht" entdeckt, die mit einem Bein in der Stadt und einem Bein auf dem Land steht, wahrscheinlich viel Geld zur Verfügung hat und sich ein repräsentatives Haus auf dem Land erstellen kann. Der mutmassliche Bauherr, Peter Schneit, war Burger von Bern, gleichzeitig war er aber offensichtlich auch Grossgrundbesitzer und wohnte in «Grossgschneit». Bei seinem "Bauernhaus" handelt es sich also um eine Art hölzernes Herrenhaus, einen sehr respektablen, gut dekorierten Bau. Diese Erkenntnis zeigt auch auf, dass im 16. Jahrhundert die Unterscheidung zwischen Grossbauern und Herren schwierig ist, da eine grosse soziale Durchlässigkeit herrscht.

Vor dem Stock von 1605 in Gurbrü, Besichtigung anlässlich einer Fachtagung der Bauernhausforschung.

Bild vergrössern Vor dem Stock von 1605 in Gurbrü, Besichtigung anlässlich einer Fachtagung der Bauernhausforschung.

Was sind die Hauptaufgaben eines Bauernhausforschers? Welche Methoden werden angewendet?

Die Bauernhausforschung arbeitet hauptsächlich typologisch. Da die Bandgebiete sehr gross sind, ist eine inventarmässige Darstellung nicht möglich. Unsere Hauptaufgabe ist es, zu erkennen, welche Grundtypen vorhanden sind und die verschiedenen Hauslandschaften kennzeichnen. Ich verfolge dabei die drei zentralen Fragestellungen nach Nutzung, Konstruktion und Form.

Bezüglich der Nutzung und Funktion stellt sich die Frage: Was wurde in den Häusern gemacht? Daraus folgt die bauliche Antwort auf die Nutzung: Wie baut man? Und schliesslich folgt die Frage der Gestaltung: Wie wurde das Gebäude gestaltet und dekoriert?

Die Bauernhausforschung beinhaltet verschiedene Berufsdisziplinen wie Ethnologie, Architektur, Geographie oder Geschichte, daher verfolgt jeder Forscher auch seine eigene Linie. Wir alle müssen jedoch einfache Antworten geben auf diese drei grossen Fragen. Je nach Hauslandschaft erhält ein Thema ein anderes Gewicht. Die Fassadengestaltung hat zum Beispiel im Oberland mit der starken Giebelfrontalität eine ganz andere Bedeutung als die traufseitig verdeckten Fassaden im Mittelland.

Was zeichnet die "alten" Handwerker aus? Kann man sie mit den Architekten unserer Zeit vergleichen?

Der traditionelle Zimmermann arbeitete oft wie ein Generalunternehmer. Die Gespräche zum Bau fanden zwischen dem Zimmermann und dem oder der Bauherrin statt. Der Zimmermeister war meist auch dafür verantwortlich, dass der Maurer und der Dachdecker auf die Baustelle kamen. Es gibt leider relativ wenige Baukontrakte oder private Bauabrechnungen. Man kann sagen, dass bäuerliche Häuser bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentlich ohne Pläne gebaut worden sind – im Gegensatz zum bürgerlich-städtischen Bereich, wo Architekten explizit ausgewählt wurden und Pläne auch vorhanden sind. Auf dem Land kam dies nur bei Bauten der Obrigkeit vor. Die Planung und der Entwurf liegen also im bäuerlichen Bereich beim Zimmermeister und bei der Bauherrschaft.

Wie erklärst du einem Laien, dass ein Speicher zwar vielleicht in schlechtem Zustand, aber trotzdem ein Schmuckstück und äusserst wertvoll ist?

Gerade Speicher sind eine sehr delikate Angelegenheit. Objektiv gesehen haben Speicher heute ihre ursprüngliche Funktion und Nutzung verloren. Man lagert heute kaum noch Dinge im Speicher, die vor 50 Jahren ganz natürlich dorthin gehörten. Nutzungs- und Unterhaltsüberlegungen dominieren deshalb heute: Was soll ich mit dem Speicher machen? Lohnt sich eine Investition in die Dachsanierung, wenn die Nutzung fraglich ist? Oft ist es in diesem Zusammenhang schwierig, auf die konstruktiven Finessen hinzuweisen oder auf die Schönheit und Einzigartigkeit des Dekors. Es geht heute darum, vernünftige Nutzungen für Speicher zu finden. Dies ist eine Aufgabe, die sich für die Denkmalpflege stellt, es müssen neue Lösungen und Konzepte gefunden werden.

Bei den Ofenhäusern zeigt sich heute, dass seit den 1970er Jahren mindestens ein Drittel der damals erfassten Ofenhäuser verschwunden ist. Bestehen blieben vor allem jene Bauten, welche irgendwie genutzt werden – im besten Fall weiterhin als Ofenhaus. Bei den bernischen Speichern ist ebenfalls mit vielen Verlusten zu rechnen, falls es nicht gelingt, neue Nutzungskonzepte zu entwickeln.

Die ländliche Kultur und das Bauernhaus wurden im 20. Jahrhundert von Teilen der Gesellschaft ideologisch vereinnahmt. Gilt dies auch für die Bauernhausforschung?

Die Pioniere der Bauernhausforschung stehen zeitlich zweifellos im Nachgang der geistigen Landesverteidigung, es greift jedoch zu kurz, die frühe Bauernhausforschung dort anzusiedeln. Der wissenschaftliche Anspruch war von Anfang an da, auch wenn die heutigen Instrumente damals noch fehlten. So stellte sich Max Gschwend noch in den frühen 1980er Jahren gegen flächendeckende Inventare, weil die Bauernhausforschung die Kapazitäten dafür nicht habe. Bei der Erarbeitung der Bände zeigte sich, dass das flächendeckende Bauinventar, wie es im Kanton Bern besteht, eine gute und äusserst hilfreiche Grundlage für die Forschung ist.

Wie siehst du die Zukunft der Bauernhausforschung?

Die Frage, wie die Erkenntnisse der Bauernhausforschung weiterbearbeitet werden, ist im Moment sehr aktuell und wird diskutiert. Die Bauernhausbände stellen eine Grundlagearbeit dar, die in zahlreichen Kantonen bereits abgeschlossen ist. Ursprünglich waren als Nachfolgeprojekt Synthesebände geplant. Es gibt viele Themen, die über die Kantonsgrenzen hinweg behandelt werden müssten. Beispiele hierfür sind etwa die Hochstud-Konstruktion, die Verbreitung des Steinbaus in der ganzen Schweiz oder ein Inventar der Alpgebiete.

Inwiefern diese Ziele in Angriff genommen werden können, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Denkbar wäre auch eine thematische Zusammenarbeit zwischen Kunstdenkmälerwerk und Bauernhausforschung. Im Vordergrund steht für mich aber vorerst die Fertigstellung des dritten Bandes über die Bauernhäuser im Kanton Bern und die Konzeption des vierten und letzten Bandes.

 


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