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Ausgabe 3/2017

Doppelter Nutzen

Erste Momentaufnahme: Mudasir geht in die 4. Klasse. Jeden Mittwochnachmittag ist er mit seinen Geschwistern und rund 40 anderen Kindern bei Kids West aktiv. Am liebsten tschutte er, erklärt er mir, schliesslich möchte er einmal Profifussballer werden. Er zeichnet aber auch sehr ausdrucksstark, singt gern und bringt bei jeder Gelegenheit seine Umgebung rhythmisch zum Klingen. Vielleicht wird er auch einmal Journalist. Oder Geschichtenerzähler wie Lukas Hartmann, der an mehreren Nachmittagen mit den Kindern gearbeitet hat. Hier in Bern-Bethlehem zwischen den mächtigen Plattenbauten und den weiten Grünflächen betreibt Meris Schüpbach und ihre Künstlerkolleginnen und -kollegen die freie Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Wer einen Nachmittag inmitten dieser kreativen Bande verbringt, wird danach kaum mehr die Frage stellen, was kulturelle Teilhabe bedeute.

Zweite Momentaufnahme: Das Museum für Kommunikation im Berner Kirchenfeld ist gegenwärtig eine Baustelle. Nichts desto trotz stehen die Türen ab und zu fürs Publikum weit offen. Zum Beispiel mit der interaktiven Fotoausstellung "eingewandert.ch". Sechs Fotografinnen und Fotografen setzten sich mit unterschiedlichen Facetten der Einwanderung in die Schweiz auseinander. Auch nach Ausstellungsende sind Ausläufer dieses Projekts auf einer Homepage aktiv. Nicht nur die Ausstellung war eindrücklich, sondern auch die Vernissage, an der das Museum vom Publikum förmlich überrannt wurde. Und man gewann den Eindruck, dass sich hier viele Besucherinnen und Besucher einfanden, die nicht zum Stammpublikum eines Museums gehören. Viele von ihnen waren in die Entstehung der Ausstellung involviert. Sie waren nun hier mit Familien und Freunden. Die stolze Erwartung der Beteiligten, die nordafrikanische Musik und die engagierten Worte der Ausstellungsverantwortlichen machten den Anlass zum Fest. Wer an diesem Anlass war, wird danach kaum mehr die Frage stellen, was kulturelle Teilhabe bedeute.

Dritte Momentaufnahme: Beatrice Brunner zeigte in ihrer Galerie in der unteren Berner Altstadt neuste Videoarbeiten von Adela Picón. Die Künstlerin führt in ihrem Projekt Workworld Berufsleute aus Bern mit anderssprachigen Kolleginnen und Kollegen scheinbar im Gespräch zusammen. Den eigenen Sehgewohnheiten folgend, meint man als Betrachter vorab, dass sich die Gesprächspartner auf Augenhöhe unterhalten: Tierärztin und Tierarzt, Internetspezialist und Internetspezialistin, zwei Coiffeure. Doch die Irritation ist beklemmend, wenn man plötzlich feststellt, dass es gar keine Zwiegespräche sind, sondern Monologe. Eine unsichtbare Wand trennt die Gesprächsteilnehmenden in zwei Welten. Hier der arrivierte Schweizer Berufsmann/die Berufsfrau, da Asylsuchende, deren gut gefüllter Ausbildungsrucksack bei uns völlig wertlos ist. Er/Sie werden offiziell nie nach ihrem Beruf gefragt. Das Werk erschöpft sich nicht in seiner hohen formalen Qualität, sondern hat einen Prozess in Gang gesetzt, in den die Künstlerin, die Porträtierten, die Berufsverbände, Hilfswerke, Kunstsammler und Amtsstellen involviert werden. "Relationale Ästhetik" heisst dies in der Fachsprache. Wer sich mit dieser Kunstrichtung befasst, wird danach kaum mehr die Frage stellen, was kulturelle Teilhabe bedeute.

Kulturpolitik und Gesellschaftspolitik können eng miteinander verzahnt sein. In allen drei Beispielen entsteht Kunst und steht das Künstlerische im Zentrum. Die Sensibilisierung für relevante gesellschaftliche Themen, die Wirkung auf die Integration von Menschen in ihr gesellschaftliches Umfeld, die geistige Horizonterweiterung sind hier nicht Anlass für die kulturelle Tätigkeit, sondern deren Folge. Das ist für mich kulturelle Teilhabe, welche die Kunst ins Zentrum stellt, aber in den Blick fasst und Strategien entwickelt, welche gesellschaftlichen Kräfte sie entfalten kann, und diese dann auch nutzt. Unter diesen Umständen hat Kulturförderung einen doppelten Nutzen.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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