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Der Mittelalterarchäologe Daniel Gutscher – eine Würdigung

Auf Ende dieses Jahres tritt der Leiter des Archäologischen Dienstes, Daniel Gutscher, seinen wohlverdienten Ruhestand an. Wir möchten ihm für seine langjährige Treue, seine Dienste und sein Engagement herzlich danken. Die folgende Würdigung möchte seinen Werdegang und sein Wirken aufzeigen.

Daniel Gutscher ist im Thurgau aufgewachsen, wo er 1971 an der Kantonsschule Frauenfeld die A-Matura absolvierte. Danach studierte er (das damals offiziell noch nicht existierende Fach) Archäologie des Mittelalters zusammen mit Kunstgeschichte sowie Kirchengeschichte und Klassischer Archäologie an der Universität Zürich, u.a. bei Prof. H. R. Sennhauser und A. Reinle. Bei Letzterem dissertierte Daniel Gutscher im Jahr 1982 mit einer Monografie über die Baugeschichte des Zürcher Grossmünster.

Daniel Gutscher, der schon als Schüler bei Ausgrabungen mitgearbeitet hatte, arbeitete die folgenden Jahre selbstständiger und als angestellter Mittelalterarchäologe in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen, für das Bureau Sennhauser sowie bei der Stadtarchäologie Zürich.

Als der damalige Kantonsarchäologe Hans Grütter anfangs der 80er Jahre erkannt hatte, dass der Archäologische Dienst des Kantons Bern, den es seit dem 23. September 1969 gab, dringend einen Archäologen des Mittelalters benötigte, beauftragte er 1983 nach ersten erfolglosen Ausschreibungen Daniel Gutscher, die notwendige Ausstattung einer Abteilung Mittelalter zu definieren. Es gelang schliesslich, ihn selber für die so eingerichtete Stelle zu begeistern, dass er am 1.7.1984 als Leiter der Abteilung Mittelalter beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern eintrat. Seine erste Aufgabe war der Aufbau dieser neuen Abteilung, wobei man ihm nicht viel Zeit liess, da wegen des damaligen Baubooms schon die erste Ausgrabungswelle losrollte. In den ersten zwei Jahren seiner Arbeit in Bern fielen neben unzähligen kleineren Dokumentationen eine ganze Reihe von archäologischen Untersuchungen, die Daniel Gutschers breites Interessenspektrum bis heute bestimmen:

  • Stadtarchäologie: Bern, Münsterplatz; Burgdorf, Marktlaube
  • Burgenarchäologie: Laupen, Schloss; Nidau, Schlossturm
  • Kirchenarchäologie: La Neuveville, Blanche Eglise; Unterseen, Kirche
  • Klosterarchäologie: Twann, St. Petersinsel

Dabei interessierte er sich nicht nur für die archäologischen Reste unter dem Boden, sondern bezog ganz selbstverständlich den aufgehenden Bestand mit ein. Daniel Gutscher versteht sich – spätestens seit seinem ganzjährigen Wirken als Adjunkt des Thurgauer Denkmalpflegers 1975 – immer im Sinne von A. Knoepfli, H. R. Sennhauser und W. Meyer auch als Bauforscher bzw. Monumentenarchäologe, für den es keine «Höhe Null» gibt.

Zu den vielen Projekten kam ab dem 1.1.1986 die Zusatzfunktion als stellvertretender Kantonsarchäologe.

Bedingt durch den ungebrochenen Bauboom wuchs in den folgenden zwanzig Jahren der Archäologische Dienst personell und strukturell stark an. In diese Zeit fielen unglaublich viele, teilweise sehr wichtige und europaweit beachtete Untersuchungen, von Meiringen bis Moutier und von Melchnau bis Saanen. Es fällt sehr schwer, eine Auswahl zu treffen. Von überragender Bedeutung waren sicherlich die folgenden Untersuchungen.

Stadtarchäologie:

  • Aarberg, Stadtplatz
  • Bern, Münsterplattform (Skulpturenfunde); Kram- und Gerechtigkeitsgasse
  • Casinoplatz
  • Burgdorf, Kirchbühl; Kornhaus und Kornhausgasse; Siechenhaus
  • Laufen, Rathausplatz;

Klöster beschäftigten ihn aber weiterhin:

  • Münchenwiler, Schloss
  • Moutier, Rue Centrale
  • Rüeggisberg, Kloster
  • Saicourt, Bellelay

Burgruinen:

  • Meiringen, Ruine Resti

Kirchen:

  • Leissigen, Madiswil, Meiringen

Industriearchäologie:

  • Court, Chaluet
  • Lauterbrunnen, Trachsellauenen

und, einmalig in der Archäologie bisher, der Wallfahrtsort Büren an der Aare, Chilchmatt. Dazu kamen unzählige kleinere Grabungen und Untersuchungen in Dörfern, Gräberfeldern, Kirchen, Städten und Burgen.

Daniel Gutscher ist aber auch immer sehr an der Verbreitung der archäologischen Erkenntnisse gelegen. So fördert er die wissenschaftliche Bearbeitung seiner Untersuchungen. Es entstanden denn auch viele Qualifikationsarbeiten unter seiner Ägide, so u.a. die Liz-Arbeiten von Regula Glatz, Eva Roth, Jochem Pfrommer und die Dissertationen von Armand Baeriswyl und Adriano Boschetti. Er war der Initiant der Jahrbuchreihe des Archäologischen Dienstes, in der Untersuchungen kurz vorgestellt oder in Aufsatzform abschliessend publiziert wurden.

Auch selbst war er als wissenschaftlicher Auswerter tätig, zu nennen sind vor allem seine Publikation zu den Klosteranlagen auf der St. Petersinsel, zur Kirche von Meiringen und zu den Skulpturenfunden von der Berner Münsterplattform. Daneben hat er hunderte von Vorberichten und Artikeln für Sammelbände, Jahrbücher und Zeitschriften aller Art verfasst. Er war über Jahre an wichtigen regionalen, nationalen und auch internationalen Tagungen und Kongressen ein vielgefragter Referent, der von Grenoble bis Brügge, von Wien bis Travemünde die Erkenntnisse der bernischen Archäologie in ganz Europa verbreitete.

Darüber hinaus lag ihm aber auch die Öffentlichkeitsarbeit für interessierte Laien hier im Kanton sehr am Herzen. Er führte während seiner gesamten Zeit als Mitarbeiter des ADB tausende von Interessierten über Grabungen und durch Häuser, egal, ob es ein Nachmittag oder ein Abend, ein Wochentag oder ein Sonntag war.

Als der inzwischen stark gewachsene Archäologische Dienst im Gefolge einer Reorganisation 2007 neu aufgestellt wurde, übernahm Daniel Gutscher die Funktion des Ressorts operative Archäologie (inkl. Auswertungen) und reichte den Stab der Mittelalterarchäologie an seinen bisherigen Stellvertreter Armand Baeriswyl weiter. Mit der gleichen Energie, die er vorher in die Erforschung des Mittelalters gesteckt hatte, kümmerte er sich neu um die gesamte Feldarchäologie und deren Organisation, Finanzierung und Personalführung.

Ab dem 17.2.2010 amtete Daniel Gutscher als Kantonsarchäologe ad interim, bevor er ab dem 1.11.2010 zum Kantonsarchäologen gewählt wurde.

Neben seiner direkten dienstlichen Tätigkeit war Daniel Gutscher in verschiedenen Gremien als Vertreter des Kantons bzw. als Mittelalterarchäologe mit internationalem Renomée tätig. Es sollen hier nur die wichtigsten Ämter genannt werden. So amtete er von 1990 bis 1992 als Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Archäologie des Mittelalters und 2000 bis 2008 als Präsident der ICOMOS Schweiz. Ferner ist er Mitglied der Schweizerischen Kommission für die UNESCO sowie von 2011 bis 2014 Präsident der Swiss Coordination Group UNESCO Palafittes.

Last but not least ist Daniel Gutschers Lehrtätigkeit zu nennen: 1983 Lehrauftrag am Kunsthistorischen Seminar der Universität Zürich, 1985/86, 1988 sowie 1997 Lehraufträge für Mittelalterarchäologie am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern. Ab 1997 lehrte er im Rahmen eines Nachdiplomstudiengangs Denkmalpflege das Modul Bauforschung an der Berner Fachhochschule in Burgdorf mit dem Ziel, künftige Partnerinnen und Partner für die Archäologie zu gewinnen.

Wir wünschen Daniel Gutscher auf seinem weiteren Lebensweg alles Gute und viel Freude an seinen neuen Tätigkeiten! So wie er während dreissig Jahren die Anliegen der Archäologie mit grosser Sachkenntnis, aber auch mit viel Herzblut und Enthusiasmus vertreten hat, so wird er inskünftig als neuer Präsident des Schweizerischen Burgenvereins und Leiter der Kommende Schweiz des Johanniterordens voller Elan unterwegs sein!

Armand Baeriswyl, Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Leiter des Ressorts Archäologische Untersuchungen

Daniel Gutscher im Mittelalterkostüm anlässlich der Einweihung des frisch restaurierten Resti-Turms in Meiringen.

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