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Ausgabe 8/2013

Sehr geehrte Damen und Herren

„Do nimm“, raunt der junge Mann im Vorbeigehen und drückt mir seine halb ausgetrunkene Bierflasche in die Hand. Später Samstagabend vor der Berner Reitschule. Ich schmunzle, nehme einen grossen Schluck und fühle mich nur noch halb so fremd.

Eben hatte ich das Kino im Pferdestall der Reitschule verlassen, und in meinem Kopf summte noch Mano Khalils wunderbarer „Imker“. Nun sass ich da auf den Steinstufen. Das war jetzt also dieser schweizweit bekannte Versammlungsort des jungen Bern, den ich bisher nur vom Zug aus und am Wochenende als Geräuschkulisse bei offenem Fenster kannte. Eine laute, farbige Welt, leuchtend im Licht der gleissenden Scheinwerfer. Die Stimmung erinnerte mich an das Folk-Festival auf Schloss Lenzburg in den 70er-Jahren, bei dem ja auch junge Berner den Ton angaben. Musik und Outfit allerdings waren anders, die Barttracht struppiger.

Viel Zeit für ethnologische Vergleichsstudien blieb jedoch nicht. Noch bevor ich mich zum Gehen anschickte, standen vier junge Männer um mich. Cool sei das, dass mal ein Alter hierher komme. Schnell war ich in ein Gespräch über Jugendkultur in Bern verwickelt. Und erneut wurde ich zum Anstossen eingeladen, diesmal mit einer Büchse, die einer aus der Jacke zog und mir entgegenstreckte. Ich brauchte nicht lange nachzufragen, was ihnen der Ort bedeute. Es sei für sie ganz wichtig, hierher zu kommen. Immer treffe man auf Freunde, lerne neue kennen. In der Regel gäbe es auch gute Musik. Ja, es sei total friedlich – jetzt mal abgesehen von der kleinen Schlägerei, die eben grad stattgefunden habe. Nein, sie wohnten nicht in Bern, kämen vor allem am Wochenende in die Stadt in den Ausgang. Hier in und um die Reitschule fänden sie genau jenes Kulturangebot, das sie anspreche. Nun war es aber höchste Zeit, den Jungen das Terrain zu überlassen. Fast schon herzlich wurde der Exot aus der Kantonsverwaltung verabschiedet, bevor er sich aufs Velo schwang.

Später, drüben am Altenberg, tönte es gleich wie an den letzten Wochenenden. Aber statt Nachtlärm wie bisher war es jetzt Musik, was ich wahrnahm. Ich schmunzelte erneut und liess das Fenster offen.

„Be P Art“ (Bern Public Art) heisst ein neuer pfiffiger Mini-Kunstführer für die Altstadt von Bern Er erklärt nicht, wo die Kunst hockt, sondern lässt uns teilhaben an künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum: Ein Pixi-Büchlein für kulturaffine Erwachsene, wohlfeil gedruckt und überall zu finden, wo etwas aufliegt. Be part – Teil-sein des kulturellen Lebens, gerade auch dort, wo man nicht dauernd ein und aus geht, das ist angewandte Horizonterweiterung. Warum als Tanzfan aus Belp nicht einmal das innovative Männerchorprogramm in Büren zum Hof besuchen (nächster Auftritt Gemeindehaus, 3. Dezember 2013, 19.30 Uhr)? Warum als Amarteurtheaterfreak aus Zäziwil für eine Kleinkunstvorstellung nicht in die Tonne nach Laupen reisen (einfach in der S2 bis zur Endstation sitzen bleiben)? Oder als eingefleischter Stammgast des Swiss Jazz Orchestras im Bierhübeli eine Vorstellung im Palace in Biel besuchen (– und umgekehrt)? Oder als Bücherfreundin aus Attiswil eine queere Lesung in der Villa Stucki in Bern besuchen?

"Be part" des vielfältigen Kulturlebens im Kanton Bern! Legt man eine gewisse Risikofreude an den Tag, ist die Auswahl schier unbeschränkt. Als Gegenstück braucht's die Offenheit der Stammgäste, auf Leute zuzugehen, die nicht zum Kuchen gehören. Wie es mir die Jungen vor der Reitschule vorgemacht haben. Zugegeben: Es ist einfacher, überall zu schnuppern, wenn man noch nirgends ganz dazugehört.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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