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Ausgabe 7/2015

Raum zum Leben

Das Pressebild des jungen Jenischen mit der Fussballerfrisur, aufgenommen in den Tagen Ende April 2014 auf der kleinen Allmend in Bern, haftet in der Erinnerung. Er sitzt auf einem Klappstuhl mitten in der weiten Wiese. Neben ihm steht ein alter Instrumentenkasten offen im Gras. Und über seinen gekreuzten Beinen wiegt er ein Schwyzerörgeli. Er beherrscht sein Instrument. Darauf lassen seine Haltung und sein Blick schliessen. Er scheint den Klängen nachzusehen. Erst recht deutet die Entspanntheit im Kontext der Aufnahme auf Könnerschaft: Musik machen, mitten im Kampf um Raum zum Leben. Nebenher läuft auf der Allmend der Countdown für die Platzräumung.

Seither ist im Kanton Bern einiges in Bewegung geraten. Die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion engagiert sich erfolgreich für Durchgangs- und Standplätze für Fahrende. Das Amt für Kultur ist dabei ihr Partner, können doch gemäss Kulturgesetz «Massnahmen zugunsten besonderer Bedürfnisse der Fahrenden» getroffen werden. Im Frühsommer dieses Jahres war die Erneuerung des Durchgangsplatzes Thun-Allmendingen ein erstes sichtbares Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen der Gemeinde und der beteiligten Direktionen. In den Herbstferien machte ich mich deshalb auf den Weg, um vor Ort einen Augenschein zu nehmen und das Resultat zu begutachten.

Sich auflösender Nebel liegt noch über den Matten. Schmelzendes Pistazieneis in Milch. Am Ende der Strasse zeichnet sich eine Umzäunung ab, ein Tor, eine Hand voll weisser Wohnwagen mit aufgespannten Vordächern. Wäsche flattert der vorhergesagten Sonne entgegen. Kein Mensch auf dem gekiesten Platz. Aus den Wohnwagen dringt gedämpft Geschirrgeklapper und die Stimme des Nachrichtensprechers. Klar, es ist Mittagessenszeit, und hier ist kein Campingplatz, sondern Schweizer Alltag. Ich ziehe mich zurück und mache noch eine gemütliche Tour um den Amsoldingersee. Gegen 14 Uhr kehre ich zurück. Jetzt ist Betrieb. Die warme Herbstsonne steht schräg über dem Waldsaum. Schnell komme ich ins Gespräch. Ja, der Platz gefalle ihnen sehr gut. Alles was es brauche sei vorhanden, wirklich tipptopp. Auch die Behörden von Thun. Bloss der Maschendrahtzaun. Den gebe es jetzt überall um die neuen Plätze. Aber das sei nicht etwa als Kritik zu verstehen.

Welches Kulturangebot sie denn nutzten, möchte ich wissen. Erstaunte Blicke. «Wie andere auch.» Ausserdem würden sie in ihrer Familie selber Musik machen. Ich erwähne das Foto vom jungen Akkordeonisten, das bei den Protestkundgebungen der Bewegung der Schweizer Reisenden durch die Medien ging. «Das ist der Jessy, der Jessy Gerzner! Mein Cousin», sagt die junge Frau, die in der Türe zum Wohnwagen steht. «Ein hervorragender Spieler. Jenischer aus Freiburg.» Das Gespräch nimmt Fahrt auf. Zum Abschluss verabschieden wir uns herzlich.

Erfreut über die Begegnung und über die gute Investition des Berner Kulturfrankens radle ich zurück. Aber auch etwas beschämt. Ich musste mir eingestehen, dass ich keine Ahnung von Geschichte und Kultur der Jenischen hatte. Dank einem hervorragenden Buch von Michèle Minelli (Text) und Anne Bürgisser (Fotos), das vor wenigen Wochen bei Hier und Jetzt erschienen ist, weiss ich heute mehr. Die präzisen und subtilen Reportagen und Porträts haben mir zusammen mit der Begegnung in Thun-Allmendingen zu einem Blick auf ein Stück unvertraute, faszinierende Schweiz verholfen. Schliesslich sieht man nur, was man weiss. Und wer sich mit den Jenischen beschäftigt, wird zwangsläufig zum Schluss kommen, dass es viele Gründe gibt, sich für Raum zum Leben für die Fahrenden im Kanton Bern einzusetzen.

Und selbstverständlich habe ich mich mittlerweile auch von der Qualität von Jessys Schwyzerörgeli-Spiel überzeugen können.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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