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Ausgabe 7/2013

Sehr geehrte Damen und Herren

Das Schnittmuster des Kantons Bern, das ich mir vor Stellenantritt mit Kreuz- und-Quer-Touren durch alle Regionen in meinem Kopf zurecht legte, beginnt sich mehr und mehr mit Menschen, Institutionen und Inhalten zu füllen. Die Muster werden immer farbiger, lebendiger, hintersinniger. Es ist das Glück des Neuankömmlings, dass sich ihm manches noch leicht zugänglich und verständlich zeigt, was erst durch tieferes Einarbeiten seine Komplexität preisgeben oder sein Geheimnis hartnäckig verschweigen wird. Doch noch schwelge ich im Rausch der ersten 100 Tage. Seien es die eindringlichen Bilder der Bieler Fototage, die betörenden Klänge des Musikfestivals Bern, die Filmflutwelle von fünf Tagen shnit, die eindringlichen Ausstellungen in den Kunsthäusern von Langenthal und Interlaken oder die Besteigung der allerobersten Baugerüstplattform auf dem Münsterturm mit einem Team der Denkmalpflege: Immer hatte ich es mit hoch engagierten, inspirierenden Menschen zu tun. Sie waren bereit, auf mich zuzugehen und mich mit Neuem vertraut zu machen oder mich vor Höhenangst und blindem Höhenflug zu bewahren. Plötzlich findet man sich mittendrin in einem äusserst lebendigen und kreativen Umfeld, wird Teil eines kulturellen Kosmos. Für die vielen offenen Arme, mit denen ich in den letzten Wochen empfangen wurde, sage ich ein schlichtes "Merci".

So hatte es schon fast etwas Zeichenhaftes, als mich Dörte Doering, die Konservatorin des bernischen Kunstarchivs, bei meinem Besuch im Depot mit einer Fotoarbeit von George Steinmann konfrontierte, damit ich in meinem eben bezogenen Büro an der Sulgeneckstrasse 70 den Blick regelmässig vom Bildschirm weg und aus Dossiers hinaus auf bernisches Kunstschaffen lenken könne. Die Serie zeigt wucherndes Unterholz und urtümlichen Hochwald. Fixiert sind die Abzüge mit Heidelbeersaft. Vergänglichkeit und Lebenskraft im selben Augenblick gebannt. Erst im Nachhinein habe ich den Titel des Werks wahrgenommen: "Mittendrin am Rande". Das scheint mir eine passende Standortbestimmung zu sein für meine derzeitige Situation des Ankommens, aber auch für die Position des kantonalen Kulturbeauftragten.

Man muss die Fähigkeit entwickeln, einerseits ganz nah dran zu sein am kulturellen Geschehen und an den Anliegen der Kulturpflege. Andererseits muss man immer wieder Abstand nehmen und versuchen, mit dem Aussenblick einen Sachverhalt oder eine Entwicklung zu würdigen. Dieses Wechselbad von Empathie und kritischer Distanz geht dem leidenschaftlichen Kulturmenschen gelegentlich gegen die Natur, ist aber unabdingbarer Ausdruck von Professionalität.

Doch noch nutze ich die Gunst des Neubeginns und lasse mich vom pulsierenden kulturellen Leben dieses reichen Kantons mitreissen, alle Symptome eines frisch Verliebten in Kauf nehmend. Vor allem eines: wenig Schlaf.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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