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Ausgabe 4/2016

Kopffüssler

«Wir brauchen nicht mehr an jeder Ecke ein Museum.» Der ehemalige Direktor der Pro Helvetia, Pius Knüsel, hat sich kürzlich in der Berner Zeitung über die Museumspolitik der Zukunft vernehmen lassen und den mittleren Kunsthäusern den Untergang beschieden, als Folge einer «Art natürlicher Selektion», wie er sagt. Was soll der Musentempel im Regionalzentrum, wenn doch die Architekturikone in der Metropole lockt? Was scheren wir uns um Sammlungspräsentationen, wenn sensationelle Wechselausstellungen buhlen? Was suche ich Kunst in Moutier, wenn Paris nur noch vier Zugstunden und eine Minute entfernt liegt? Einspruch! Ich finde mein Arbeitsfeld Kultur gerade deshalb so attraktiv, weil hier die Megalomanie unserer Zeit ein untergeordnetes Kriterium darstellt. Ich wohne gern hier, weil die schrankenlose Mobilität keine Voraussetzung für meinen Kulturkonsum ist. Nicht der Blockbuster, sondern die kulturelle Vielfalt ist mein Sauerstofflieferant. Wenn ich mir die Berner Kulturlandschaft ohne die mittelgrossen Häuser vorstelle, dann erinnert mich dies an einen Kopffüssler, wie ihn Kinder im dritten Lebensjahr kritzeln.

Dem Kopffüssler fehlt der Rumpf und damit die eine oder andere wichtige Funktion, die zum Menschen gehört. Bei der Umsetzung des Kulturförderungsgesetzes des Kantons Bern spielen die regional getragenen Museen eine zentrale Rolle. Neu finanzieren Standortgemeinde, Regionsgemeinden, Kanton und Private die Mehrzahl der mittleren Häuser gemeinsam. Diese sind damit noch besser abgestützt als früher. Die Museen reagieren auf das kulturelle Umfeld mit ihren Aktivitäten und senden wichtige Impulse in die Region zurück – wie in Moutier. Sie stellen die Teilhabe am kulturellen Leben sicher – wie in Thun. Der Titel der Kunstvermittlung im Wocher-Panorama bringt dies wunderbar auf den Punkt: «Unser T(h)un». Sie machen mich bekannt mit spannenden jungen Künstlerinnen und Künstlern und bringen sie in ein Bezugsfeld, das ein Off-Space nicht bieten kann. Ein grosses Haus wird diese Positionen (noch) nicht präsentieren können wie es das Bieler Centre Pasquart tut. Sie bieten dem kunsthistorischen Nachwuchs wertvolle Betätigungsfelder – wie in Langenthal –, welche der Schweiz zu einer lebendigen KuratorInnen-Szene verhelfen. Oder sie rücken Kunstwerke aus früheren Generationen, die in grossen Museen in Depots vor sich hindämmern, in Bezug zur Gegenwart – wie in Interlaken. Und schliesslich zeigen sie uns hinreissende Ausstellungen im kleinen Format – wie in Burgdorf.

Mit wenig materiellen Ressourcen und viel professioneller Potenz sowie ehrenamtlichem Engagement wird Kunst gepflegt, gefördert und vermittelt. Und es bleiben Orte der geistigen Auseinandersetzung, des kreativen Austauschs und der interdisziplinären Vernetzung in den Regionen erhalten. Hier wird ein Beitrag zur Kulturproduktion geleistet, regionale Identität vermittelt und Lebensqualität geboten. Für meinen Begriff sind die mittelgrossen Museen keine Auslaufmodelle, wenn sie ihre Rolle so gut spielen wie im Kanton Bern. Das heisst: Gezielt auf Partizipation setzen, die regionale Verankerung nutzen und gleichzeitig stärken. Wenn es ihnen dabei gelingt, Kunstschaffende, Kunstfreunde, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in ihren Räumen zusammenbringen, dann sind sie nötiger denn je.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur


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