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Ausgabe 3/2015

Editorial: Aushausen

Wer Frühlingstage in Salzburg oder München verbringt, erlebt ein hierzulande unbekanntes emsiges Treiben im öffentlichen Raum: Die im Spätherbst eingehausten Brunnen werden aus ihren kunstvollen und feinteiligen Bretterverschlägen befreit und präsentieren sich in der Frühlingssonne wie neu hingestellt. Es ist der Christo-Effekt, wie ihn der Künstler 1968 mit der Wrapped-Kunsthalle auch in Bern praktiziert hat: Was man vorübergehend dem Anblick entzieht, nehmen wir danach wieder neu und anders wahr.

Im Kanton Bern kennen wir die "Wintereinhausung" (so der Fachbegriff) von Brunnen nicht. Die Brunnen in unseren Altstädten sind zwar kunsthistorisch nicht weniger wertvoll als in den fürstlichen Städten Deutschlands und Österreichs und ihr Sandstein genau so wenig witterungsbeständig. Ihr Gebrauchswert wog hier jedoch deutlich mehr als der künstlerische. Die schmucken Brunnen stellten gleichzeitig die Wasserversorgung auch im Winter sicher. Es gehört zur bernischen Lebensqualität, das Nützliche und das Schöne zu verbinden. Eine kunstvoll geflochtene Sonntagszüpfe schmeckt zweifelsfrei besser als ein simpler Laib aus dem gleichen Teig.

Zwar hat das Einhausen von Brunnen bei uns keine Tradition, dafür steht jetzt das Aushausen auf der politischen Agenda. Aus den Inventaren der Denkmalpflege sollen 15'000 erhaltenswerte Objekte entfernt und damit jedem auch bloss moderaten Schutz entzogen werden. Wir sind dabei, diesen Auftrag zu analysieren und werden seine möglichst kulturverträgliche Umsetzung in Angriff nehmen. Gleichzeitig hat mich diese denkmalpflegerische Zwangsdiät nachdenklich gestimmt. Bern war 1945 der erste Kanton, der, getragen von Exponenten der BGB, praktisch oppositionslos die staatliche Stelle eines Landkultur-Pflegers schuf, eine frühe Keimzelle der heutigen Denkmalpflege. Man fürchtete damals, dass unter dem Modernisierungsdruck die ländliche Kultur, insbesondere das gebaute Erbe, bedroht sei. Der Druck auf die historische Bausubstanz hat zwischenzeitlich umgekehrt proportional zur Bereitschaft zugenommen, jene zu bewahren.

Alle, denen eine zeitgemässe Kulturpflege im Kanton Bern ein Anliegen ist, sind aufgerufen, sich in Zukunft dezidierter für das gebaute Erbe einzusetzen. Bei tausenden von Objekten, die in Zukunft keinen gesetzlichen Schutz mehr geniessen werden, sind Eigentümer, Quartier- und Dorfgemeinschaften, lokale Behörden und private Organisationen gefordert, wertvolles Kulturgut auch ohne staatlichen Schutz zu bewerten und allenfalls freiwillig zu bewahren. Sie fördern damit auch den Sinn des schönen Nutzens oder des nützlichen Schönen. Denn Baudenkmäler sind in der Regel ressourcenschonend einer zeitgemässen Nutzung zuzuführen.

Mit dem Denkmalpflegepreis wollen wir schon heute dieses Engagement fördern. Der Kanton zeichnet jene Bauherren aus, die sich für die denkmalpflegerische Erhaltung wertvoller Bausubstanz einsetzen. Es geht hier nicht bloss um die Verschönerung unseres Lebensraums, sondern um die Bewahrung Identität stiftender Baukultur. Also nicht bloss um die Sonntagszüpfe, sondern um die Wurst. Denn im Unterschied zu eingehausten deutschen Zierbrunnen oder temporär verhüllten Christo-Objekten bleibt einmal abgebrochenes Kulturerbe nicht nur temporär unserem Anblick entzogen, sondern für immer.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur des Kantons Bern


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