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Ausgabe 6/2016

Wörter klauben

Andere sammeln in dieser Jahreszeit Pilze. Oder im Frühjahr wildes Gemüse. Ich sammle Wörter. Saisonal unabhängig. Für einen Wörtersammler ist der Kanton Bern das ideale Revier. Kaum eine Sitzung, von der ich nicht mit einer Trophäe zurückkehre. In Otto von Greyerz' berndeutschem Wörterbuch finde ich dazu faszinierende Varietäten. Eigentlich müsste man den Denkmalschutz auf solche Wörter ausdehnen. Doch möglicherweise bescherte uns das Inventar der erhaltens- und schützenswerten Wörter zu einem späteren Zeitpunkt bloss Kalamitäten, wenn von Sprachverdrossenen dessen Reduktion gefordert würde.

Aber eigentlich wollte ich über ein ganz bestimmtes Wort schreiben, das ich vor meiner Migration in den Kanton Bern noch nie gehört hatte. Inzwischen ist es mir richtig ans Herz gewachsen: Der Pantograf.

Als Pantograf wird der Stromabnehmer bei Schienenfahrzeugen bezeichnet. Es kann sich aber auch um ein Gerät handeln, welches eine Vorlage exakt in einen anderen Massstab überträgt. Schutzbedürftig ist dieses Wort, seit die CAD-Technik solche Operationen fern des Zeichentischs erledigt.

Kulturpolitisch interessant wird das Wort aber erst, wenn man das erste a gaumig klingen lässt, beim grr das Halszäpfchen vibriert und das zweite a hell, mit viel Kopfstimme erklingt: [pɑ̃tɔgraf]! Dann handelt es sich nämlich um die Kulturinstitution, die bis vor kurzem in Moutier beheimatet war, bevor sie ihre Lokalität verlassen musste. Weil es beim «Pantographe» aber nicht primär um eine Lokalität geht, sondern um eine Idee, existiert diese weiter, auch nachdem vor gut drei Monaten der Schlüssel gedreht wurde.

Ondine Yaffi und Gilles Strambini haben vor 10 Jahren genossenschaftlich gedacht und praktisch gehandelt. Sie haben für Künstlerinnen und Künstler eine «oasis de liberté» geschaffen, wie der Bieler Schriftsteller und Journalist Thierry Luterbacher einmal formuliert hat. Ein freier Aufenthaltsort, wo Werke kreiert, Konzepte geboren, Konzerte gegeben werden. Bezahlt wird, soviel man kann und will. Hier regiert nicht das Geld, sondern die Phantasie, der Geist, die Kreativität. Ohne Subventionen. Begegnungen weiten den Horizont über Kultursparten hinweg, zwischen Kunst und Handwerk, Schaffenden und Publikum und zwischen den Generationen. Verschiedene Sprachen werden nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung wahrgenommen. Ich schreibe im Präsens, hoffend, dass die Idee einen andern Ort findet, um sich erneut zu entfalten.

Ondine und Gilles sind denn auch intensiv auf der Suche nach einer Liegenschaft mit ca. 1500 m2 Nutzfläche und einer Hoschtet. Sie haben soeben alle Gemeinden des Berner Juras angeschrieben. Hier möchten sie bleiben. Und hier möchten wir sie behalten. Wer hilft, den geeigneten Ort zu finden? Der «Pantographe» soll wie ein Stromabnehmer auch in Zukunft die Energie der Künste erschliessen und wie das Zeichengerät Bestehendes in neue Dimensionen transformieren.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur
 


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