Suchbereich

Stichwörter von A bis Z

Navigation




Ausgabe 5/2016

Zaubergarten

Die hängenden Gärten der Semiramis und das Geräusch einer Schnecke beim Fressen. Beides faszinierte mich als Kind, wenn ich mich in der Dämmerung im Garten auf den warmen Erdboden legte. Die Vorstellung, dass ein Garten ein Weltwunder sein kann und in der Vertikale statt der Horizontale angelegt ist, regte meine Fantasie ungemein an. Durch die halbgeschlossenen Augen wucherte unser ohnehin schon üppiger Sommerflor kaskadenartig über antike Mauern bis an einen imaginären Fluss. Sogar die Bäume blühten und badeten ihre Zweige. Der Duft, der vom Wickenzaun herüberwehte, wirkte als Schlüssel zu immer neuen Kompartimenten meines erträumten Paradiesgartens. Und als ich einmal so da lag, hörte ich ein feines, ganz leises Schaben oder Raspeln. Es stammte von einer Weinbergschnecke, die nahe an meinem Ohr an einem angefaulten Lilienblatt frass. Noch heute meine ich zu wissen, wie dieses leiseste je wahrgenommene Geräusch tönt, das wohl nur Kinderohren hören können. In der Hingabe an einen Garten kann sich das ganz Grosse eines idealen Weltentwurfs mit dem ganz Kleinen einer Sinneswahrnehmung verbinden. Daran wurde ich erinnert, als ich das bernische Programm des Denkmaltages mit dem Titel «Oasen» durchblätterte.

Das laufende Jahr steht unter dem Motto «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen». Organisiert von einer breiten Trägerschaft, wird eine Vielzahl von Exkursionen und Veranstaltungen geboten, nicht wenige davon im Kanton Bern. Ausserdem erscheint eine Reihe vertiefender Publikationen. Ein Höhepunkt erreicht das Gartenjahr am Wochenende vom 10. und 11. September, wenn die Kantonale Denkmalpflege, der Archäologische Dienst, der Berner Heimatschutz und weitere Veranstalter an historische Gärten, Parkanlagen oder öffentliche Anlagen heranführen. Nicht weniger als 31 Angebote von Diemtigen bis La Neuveville, von Thunstetten bis Münchenwiler vermitteln Einblicke in die Gartenkultur von gestern und heute. Im Bonstettenpark am Thunersee erleben wir, wie ein barocker Gartenarchitekt die Sichtachsen bis zum Firn der Jungfrau lenkte. In der Gartenanlage der Villa Felsenburg in Leubringen kann man sich erklären lassen, wie ein Gartendenkmal wieder hergestellt und erhalten wird. Und der Ballenberg erweist dem Berner Bauerngarten die Referenz.

In einer Zeit, in der die bauliche Verdichtung als Gegenmassnahme zur Zersiedelung priorisiert wird, nimmt der Druck auf die Gärten zu. An sie werden zudem erhöhte Nutzungsansprüche gestellt. Gleichzeitig erfreuen sie sich eines wachsenden Interesses und erhalten mit Urban Gardening neue Formen. In dieser Konstellation dienen uns Denkmalpflege und Heimatschutz gleichsam als Hörrohr für die Wahrnehmung des Gartenerbes. Indem sie die historischen Dimensionen hervorheben und der Qualität die nötige Resonanz verschaffen, können wir den kulturellen Stellenwert der Gärten erfassen, ohne dass wir das Ohr auf den Boden legen und den Schnecken zuhören müssen.

Hans Ulrich Glarner, Vorsteher Amt für Kultur
 


Weitere Informationen

 


Mein Warenkorb ([BASKETITEMCOUNT])

Informationen über diesen Webauftritt

http://www.erz.be.ch/erz/de/index/direktion/organisation/amt_fuer_kultur/archive/ausgabe-5-2016.html